Dima Rebus: „Underground Aquarellka“

19. Oktober 2018

Die nächtliche, fast menschenleere U-Bahnstation ist in ein seltsam dunkles, luzides Licht zwischen Schwarz, Grau und Rot getaucht.  Ein weißer Hase läuft dem Betrachter entgegen, während im Hintergrund ein Mädchen, dessen Gesicht man noch nicht erkennen kann, die Rolltreppe herunterfährt. Der Bildtitel Follow Me If You Can legt nahe, dass die junge Frau versucht, dem Hasen zu folgen. Schaut man jedoch genau hin, sieht man, dass sie sich gar nicht bewegt, sondern fest auf zwei Stufen der Rolltreppe steht. Was wird hier gezeigt, was wird hier gespielt? Und der Hase? Läuft er wirklich auf dem Boden oder schwebt er im Raum?

Die Vergrößerung bestätigt diesen Verdacht.  Der Hase rast durch den Weltraum, vorbei an Himmelskörpern unterschiedlicher Größe. Seine pupillenlosen Augen starren den Betrachter an. Oder blicken sie ziellos in den unendlichen Raum, sehen etwas, von dem wir gar nichts ahnen? 

Das Bild gehört zu einer Serie, die der Künstler als Underground Aquarellka bezeichnet.

 

Dima Rebus wurde in Nabereschnje Tschelny, der westlich des Urals gelegenen Hauptstadt der russischen  Republik Tatarstan, geboren. Er studierte  von 2011 bis 2016 in Moskau an der Fakultät für Grafikdesign des Instituts für Kunst und Industrie und am Institut für Zeitgenössische Kunst.

Wie jeder Künstler hat auch Rebus Vorbilder in der Kunstgeschichte. Schon Salvatore Dali und die Surrealisten verstanden es, superrealistische Bilder zu malen, die überzeugend etwas darstellen, was es in Wirklichkeit gar nicht gab und auch heute nicht  gibt. Und die sogenannten Hyperrealisten in den USA malten so plastisch und detailgetreu, dass man die lebensgroßen Figuren samt ihren Autos und diversen Gegenständen für einen teil der Wirklichkeit halten konnte. 

Auch dem Hasen kommt in des modernen Kunst ein besonderer Platz zu, Joseph Beuys, einer der umstrittensten Künstler der deutschen Nachkriegszeit, hatte ihn sozusagen zu seinem „Wappentier“ gemacht!

Rebus hat all diese Anregungen gierig aufgenommen. Zum Künstler  konnte er aber nur werden, weil er diese Vorbilder nicht einfach kopierte, sondern einen eigenständigen Malstil entwickelte und diesen mit aktuellen Inhalten füllte. In seinen Bildern und Bildserien verbindet er superreale und surrealistische Elemente, seine Maltechnik – vor allem im Aquarell – ist exzellent. Die hintergründigen, halluzinatorischen Bild-Erfindungen sind nicht immer leicht zu entschlüsseln und lassen der Phantasie des Betrachters viel freien Raum. 

Die Titel seiner Bilder sind oft ironisch gebrochen,  dieses Aquarell heißt  Nothing matters until an empty sofa says otherwise (Nichts ist wichtig, falls nicht ein leeres Sofa etwas anderes sagt) Ein Sofa ist weit und breit nicht zu sehen, wohl aber begegnen wir unserem Weltraum-Hasen wieder, auf den der ausgestreckte linke Arm der Frau weist.  Auch der Begriff „Underground Aquarellka“ taucht erneut auf: als Tattoo auf dem rechten Arm  der Frau. 

Ist der Hase aus dem Weltraum jetzt im Treppenhaus gelandet?  Und was ist auf diesem Bild Fotografie, was Malerei? Bewusst lässt Rebus viele Fragen offen, stachelt die Phantasie der Betrachter an, fordert sie zum Weiterdenken auf.

Das ist auch auf  einem anderen Bild der Underground Aquarellka  der Fall. Rebus nennt es schlicht  Untitled.   In einer weiten Schnee- und Eiswüste liegt – an die Erde geschmiegt und halb im Schnee versunken – ein Gehöft, eine einsame, verlorene menschliche Behausung.  Ein Schild zeigt an, dass das Anwesen zu verkaufen ist. Doch es scheint zu spät: Im bedrohlich schwarzen Raum bewegt sich ein riesiger Himmelskörper auf die Erde zu, eine Kollision scheint unvermeidbar. 

Rebus spielt hier geschickt mit menschlichen Ängsten, aber er findet auch ein eindrucksvolles Sinnbild für die vielfältigen Bedrohungen, denen unsere Erde tatsächlich ausgesetzt ist. Wir müssen nicht auf einen Angriff aus dem All warten. Von Menschen verursachte Katastrophen – Kriege, Flüchtlingsströme, Epedemien, Hunger und weltweite soziale Konflikte – drohen unsere Zivilisation zu vernichten. Der Einzelne, der sein Heim verkauft und flieht, ist hilf- und machtlos. Der Kampf für Frieden, Toleranz, Menschenrechte und die Bewahrung der Schöpfung muss weitergehen! „Die Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift“ schrieb Karl Marx 1844, vor 174 Jahren! Diese Botschaft ist heute noch gültig, sie steckt auch in den Underground Aquarellka.

 

Für mehr von Dima Rebus:
Dima Rebus Website

Dima Rebus Instagram Site

 

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