Charles Burns: Black Hole

31. Januar 2019

Als Charles Burns, 1955 geboren, seine Ausbildung in Washington und in Davis, Kalifornien, absolviert hatte und danach mit seiner Arbeit begann, hießen in Deutschland die Designer noch „Formgestalter“ und die Grafikdesigner mussten sich mit der Bezeichnung „Gebrauchsgrafiker“ zufrieden geben. Als Künstler betrachtete man sie nur bedingt. Freischaffende Maler, Plastiker und Graphiker waren die Heroen der bildenden Kunst. „Freie“ und „angewandte“ Kunst wurden fein säuberlich geschieden, als hätte es in den zwanziger Jahren das Bauhausin Weimar und Dessau und die weltweite Ausstrahlung seiner progressiven Ideen nie gegeben! Burns Werk ist ein gutes Beispiel für die Synthese von Bildkunst, Comic, Grafikdesign, Graffiti und Jugendsprache, wie sie heute die junge Kunstszene dominiert.

 

Er war seiner Zeit voraus!

In den achtziger Jahren war Burnes für das RAW tätig, ein alternatives Comicmagazin, das von 1980 bis 1991 einmal jährlich erschien und unter anderem seine Bildergeschichten Dog Boy und Big Baby abdruckte. Fast zwei Jahre lebte er in Italien. Während dieser Zeit konnte er auch in Deutschland Fuß fassen, unter anderem arbeitete er für das Magazin Schwermetall, das bis 1999 existierte. 

 

Den wichtigsten Part seines Œuvres bilden die Grafic Novels. die „grafischen Romane“. Der Begriff ist relativ weit gefasst und wird für künstlerisch anspruchsvolle Comic-Geschichten in Buchform benutzt. Die Grenzen zum grafischen Künstlerbuch einerseits und zum herkömmlichen Comic andererseits sind fließend. Burnes befasste sich zwischen 1985 (El Borbah) und 2014 (Sugar Skull) intensiv mit dieser zeichnerischen Erzählform. Sugar Skull bildet den Abschluss einer bizarren Story, die er mit X'ed Out begann und mit Black Hole fortsetzte. Überbordende Albträume gewinnen in diesen Geschichten eine schreckliche Realität.

 

Sein unbestrittenes Meisterwerk ist und bleibt der Mittelband dieser Trilogie: Black Hole. In einer High School in Seattle bricht eine seltsame Krankheit aus. Plötzlich und wahllos kommt es zu grässlichen Verunstaltungen, einige Schülern leiden an seltsamen Auswüchsen, Beulen bedecken Gesichter und Körper. Sie nennen die Seuche „the bug“, den „Fehler“. Schnell wird vermutet,
dass die Krankheit durch sexuelle Kontakte übertragen wird und der Leser assoziiert „Aids“.

Allerdings erkranken in Burns Geschichte ausschließlich heterosexuelle Paare. Burnes zeigt sie unverblümt beim Geschlechtsverkehr, um diesen Punkt eindringlich zu verdeutlichen.

 

Seine Aussage ist klar: Aids ist eine Krankheit, keine Strafe Gottes für Homosexualität und „unzüchtiges“ Leben.

 

Auch heterosexuelle Paare können Geschlechtskrankheiten zum Opfer fallen. Man denke nur an das 19. und frühe 20. Jahrhundert, in dem tausende heterosexuelle Männer an Syphilislitten und zu Grunde gingen (Frauen können zwar Träger des Virus sein, aber selbst nicht erkranken). Burns führt uns die Möglichkeit einer neuartigen, bisher unbekannten „hetero-sexuellen“ Epidemiemit erschreckender Konsequenz vor Augen.

Die erkrankten Teenager in Burns Geschichte werden brutal ausgesondert und isoliert. Sie müssen in einem Dorf im Wald leben,
das sie nicht verlassen dürfen und ernähren sich von Almosen und Zuwendungen von Wohltätigkeitsorganisationen. Die Krankheit manifestiert sich in Auswüchsen und Deformationen, die Burns brutal vorzeigt. Diese Menschen sind Aussätzige, ein Leben in der Öffentlichkeit ist ihnen verwehrt. Burns beschwört die schrecklichen Folgen mangelnder Empathie in einer Gesellschaft, die auf Gewalt und Ausgrenzung setzt. Und Massaker, Terrorangriffe, Messerstechereien, Vergewaltigungen und andere Gewalttaten sind in den westlichen Gesellschaften zur grausigen, fast täglichen Realität geworden! 

Stilistisch reiht sich Charles Burns mit seinen grafischen Romanen in die lange Tradition der
Druckgrafik ein. Im ausgehenden Mittelalter diente der Holzschnitt vorrangig zur Illustration
religiöser Texte, doch schon bald entwickelten Künstler wie Albrecht Dürer (Abb. 1) und Lucas
Cranach d.Ä. ihn zu einer eigenständigen Kunstform.
Auch die Tiefdrucktechnik verbreitete sich rasch, denken wir nur an Goyas eindringlich Folge
von Radierungen Die Schrecken des Krieges (Abb.2). 

 

Das späte 19. Jahrhundert und das 20. Jahrhundert gelten als die Blütezeit der Druckgrafik in
Europa. Der Zusammenhang zwischen künstlerischen Drucken und der Buchproduktion ist eng,
doch auch freie grafische Zyklen entstehen. Sie erzählen Geschichten ohne Worte, etwa Max
Klingers grafisches Werk Ein Leben (Abb. 3)Die 1884 erschienene Folge von Radierungen 
erzählt vom Schicksal einer „gefallenen Frau“. Klinger ist damit der erste deutsche Künstler,
der sich der Problematik zeitgenössischer Prostitution widmet.

 

Der Künstler Frans Masereel verließ 1911 seine belgische Heimat und lebte in Paris, später
in der Schweiz. Seine „Bilderromane“, vor allem Passion eines Menschenund die 1919 bei
Kurt Wolff in Leipzig erschienene Holzschnittfolge Mein Stundenbuch (Abb. 4) machten ihn
in ganz Europa bekannt.

Die Form des grafischen Bildzyklus, des „Bildromans“ hat sich verändert, lebt in ihren modernen Varianten bis heute fort, erfährt immer neue Wandlungen und überrascht mit 

brisanten Themen. Natürlich kennt Charles Burns alle diese Vorgänger, sicher waren einige auch Vorbilder für ihn. Doch es gelang ihm, eine moderne, eindringliche und provokante Bildsprache zu entwickeln, die junge Leute zu fesseln versteht. Er hat aus einer sehr alten Kunst eine sehr junge gemacht. 

 

Mehr Infos zu Charles Burns:
Charles Burns auf wikipedia 

 

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